Freundlich, aber verbindlich

Die neue Balance moderner Führung

Viele Führungskräfte starten mit einem klaren Ideal. Sie wollen die Führungsperson sein, die sie sich selbst immer gewünscht haben: zugewandt, verständnisvoll und auf Augenhöhe. Doch nach einigen Monaten zeigt sich oft eine andere Realität.

Die Arbeitslast steigt, Fristen werden zur Verhandlungssache, Konflikte werden vertagt und kritische Rückmeldungen können die Stimmung im Team belasten. Aus dem Wunsch nach menschlicher Führung entsteht schleichend eine Situation, in der die Führungskraft immer mehr auffängt, selbst organisiert und korrigiert. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wo endet Empathie und wo beginnt Führungsverantwortung?

Empathie bedeutet, die Perspektive anderer zu verstehen. Sie bedeutet jedoch nicht, jede Erwartung zu erfüllen. Eine Führungskraft kann Verständnis für persönliche Belastungen zeigen und gleichzeitig auf eine wichtige Frist bestehen. Sie kann Kritik respektvoll formulieren, ohne sie zurückzuhalten, und Freiraum geben, ohne Verantwortung für Ergebnisse abzugeben. Klare Grenzen sind dabei kein Gegensatz zu moderner Führung. Sie schaffen Orientierung und geben Mitarbeitenden Sicherheit.

Die Weltgesundheitsorganisation nennt unter anderem hohen Zeitdruck, lange Arbeitszeiten, fehlende Kontrolle über Aufgaben und mangelnde Unterstützung als relevante Belastungsfaktoren. Klare Ziele, eine angemessene Arbeitsorganisation und Handlungsspielräume können dagegen dazu beitragen, Arbeitsbelastungen besser zu bewältigen.

Eine häufige Falle neuer Führungskräfte ist das permanente Eingreifen. Wenn eine Aufgabe nicht rechtzeitig erledigt wird, übernimmt die Führungskraft sie selbst. Wenn ein Konflikt entsteht, vermittelt sie sofort. Wenn eine Entscheidung schwierigwird, trifft sie sie stellvertretend. Kurzfristig scheint das effizient. Langfristig entsteht jedoch Abhängigkeit. Mitarbeitende lernen, dass Probleme von oben gelöst werden, während die Führungskraft zum zentralen Engpass wird.

Nachhaltiger ist es, Verantwortung bewusst zurückzugeben. Fragen wie „Was ist dein Vorschlag?“ oder „Was brauchst du, um die Entscheidung selbst zu treffen?“ fördern Eigenständigkeit. So entsteht ein Team, das Probleme zunehmend selbst löst und seine
Kompetenzen weiterentwickelt.

Grenzen beginnen aber auch bei den eigenen Ressourcen. Wer jede E-Mail sofort beantwortet, jede Besprechung akzeptiert und ständig erreichbar ist, vermittelt ungewollt, dass alles dringend ist. Professionelle Führung bedeutet deshalb auch, Prioritäten zu setzen und die eigene Kapazität realistisch einzuschätzen. Nicht jede Aufgabe braucht sofortige Aufmerksamkeit, nicht jedes Problem muss von der Führungskraft gelöst werden.

Das ist kein Zeichen mangelnden Engagements. Es ist eine Voraussetzung für nachhaltige Leistungsfähigkeit. Die WHO beschreibt Burn-out als Folge von chronischem Arbeitsstress, der nicht erfolgreich bewältigt wurde.

Besonders wichtig wird klare Führung dort, wo Erwartungen kollidieren. Was ist das Ziel? Welche Frist gilt? Wer trägt die Verantwortung? Was passiert, wenn sich Prioritäten verändern? Je früher diese Fragen geklärt werden, desto weniger Energie geht in Missverständnisse und nachträgliche Verhandlungen. Klarheit muss dabei nicht hart wirken. „Die Frist bleibt bestehen. Deshalb müssen wir gemeinsam entscheiden, welche andere Aufgabe dafür zurückgestellt wird“, ist verbindlich und zugleich lösungsorientiert.

Moderne Führung bedeutet daher nicht, möglichst viele Grenzen abzubauen, sondern die richtigen zu setzen. Wertschätzung und Verbindlichkeit schließen einander nicht aus. Im Gegenteil.

Ein Team, das Erwartungen kennt, Verantwortung übernehmen darf und Orientierung erhält, kann selbstständiger arbeiten. Die Führungskraft gewinnt dadurch Raum für ihre eigentliche Aufgabe: Richtung geben, Prioritäten setzen,Menschen entwickeln und die Voraussetzungen für gute Leistung schaffen.

von Mirko Udovich

Mirko Udovich
Geschäftsführender Gesellschafter
Verpassen Sie keine Artikel mehr!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und bleiben immer auf dem neusten Stand.

Ich stimme zu, dass meine Angaben und Daten für den Erhalt des kostenlosen Newsletters erhoben und gespeichert werden. Hinweis: Sie können Ihre Einwilligung jederzeit für die Zukunft widerrufen.

Das könnte Sie auch interessieren

Wenn KI die Arbeitswelt neu definiert

Künstliche Intelligenz verändert auch Führung und Zusammenarbeit

Freundlich, aber verbindlich

Die neue Balance moderner Führung

Wer richtig fragt, führt besser

Die unterschätzte Kompetenz erfolgreicher Führungskräfte