Verblendung durch Smalltalk
Kaum haben Bewerber den Raum betreten, beginnt das Urteil, oft bevor auch nur eine einzige fachliche Frage gestellt ist. Ein kurzer Satz über das Wetter, die Anreise oder das Wochenende reicht, und in den Köpfen der Interviewer formt sich ein Bild: sympathisch oder nicht, vertrauenswürdig oder zurückhaltend, passend fürs Team oder eher fremd. Gerade diese harmlosen, scheinbar neutralen Einstiegssätze bergen eine große Gefahr: Sie wirken wie eine mentale Linse, die das restliche Gespräch verzerrt. Wer diese „Smalltalk-Falle“ nicht erkennt, riskiert, objektive Kriterien zugunsten eines angenehmen Gefühls zu übersehen.
Der Grund liegt in der Psychologie. Der sogenannte Primacy-Effekt besagt, dass frühe Eindrücke besonders stark wirken und spätere Wahrnehmungen überlagern. Studien
belegen, dass Interviewerinnen und Interviewer dazu neigen, erste Einschätzungen im weiteren Gespräch zu bestätigen. Dougherty, Turban und Callender zeigten bereits, dass Interviewende gezielt mehr zustimmende oder ablehnende Nachfragen einsetzen, abhängig davon, ob sie sich in den ersten Minuten ein positives oder negatives Bild gebildet haben. Eine aktuelle Untersuchung verdeutlicht zudem, dass schon der lockere Gesprächseinstieg unbewusste Vorurteile aktivieren und die Objektivität gefährden kann.
Besonders benachteiligt sind in diesem Zusammenhang ruhige, introvertierte Bewerberinnen und Bewerber. Wer nicht sofort locker plaudert oder persönliche Anekdoten teilt, läuft Gefahr, vorschnell als unsicher oder wenig teamfähig abgestempelt zu werden. Dabei sagen zurückhaltende Reaktionen im Smalltalk nichts über Kompetenz, Belastbarkeit oder Innovationskraft aus. Gerade Introvertierte bringen häufig Qualitäten wie analytisches Denken, Genauigkeit und Beharrlichkeit mit, Fähigkeiten, die im ersten Plausch leicht übersehen werden. Das Risiko: wertvolle Talente werden aussortiert, bevor sie ihre Stärken zeigen können.
Hinzu kommen bekannte Verzerrungen wie der Halo-Effekt, bei dem eine positive Eigenschaft alles andere überstrahlt, oder der Like-me-Bias, der dazu führt, dass Kandidatinnen und Kandidaten bevorzugt werden, die der interviewenden Person ähneln. All das führt dazu, dass Sympathie zu oft mit Kompetenz verwechselt wird.
Wie lässt sich diese Falle umgehen?
Entscheidend ist, die Smalltalk-Phase klar zu begrenzen und rasch in einen strukturierten Interviewteil überzugehen. Standardisierte Fragen, die allen Kandidatinnen und Kandidaten in gleicher Reihenfolge gestellt werden, erhöhen die Vergleichbarkeit und senken das Risiko von Fehlurteilen. Hilfreich ist zudem, Antworten sachlich zu dokumentieren und dabei bewusst zwischen subjektivem Eindruck und fachlicher Leistung zu trennen. Ergänzend können Methoden wie anonymisierte Arbeitsproben oder schriftliche Fallstudien eingesetzt werden, um die Wirkung erster Eindrücke zu relativieren.
Darüber hinaus lohnt es sich, Interviewerinnen und Interviewer regelmäßig für kognitive Verzerrungen zu sensibilisieren. Wer sich der Wirkung des eigenen Bauchgefühls bewusst ist, kann es im Entscheidungsprozess besser kontrollieren. Denn letztlich geht es nicht darum, Smalltalk gänzlich zu vermeiden, er erfüllt die wichtige Funktion, Distanz zu verringern und Gesprächsatmosphäre aufzubauen. Entscheidend ist, ihn bewusst einzusetzen und nicht als Ersatz für eine objektive, kompetenzbasierte Beurteilung misszuverstehen.
Das Fazit für Führungskräfte und HR-Verantwortliche ist klar: Wer Smalltalk gezielt begrenzt, strukturiert interviewt und Introvertierte nicht unterschätzt, stärkt die Qualität der Auswahlentscheidungen. So entstehen nicht nur fairere Prozesse, sondern auch Teams, die durch Vielfalt, passende Kompetenzen und nachhaltige Performance überzeugen.
von Mirko Udovich
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